Was hilft in Zeiten der Veränderung? Teil 1

von Rainer Molzahn


Was hilft in Zeiten der Veränderung Teil 1

 

In dieser kurzen Blogreihe wollen wir der Frage nachgehen, welches die Unterschiede sind, die andere Menschen (und also auch Coaches) machen können, wenn das Leben uns dazu auffordert, uns mit Veränderung nicht nur auseinanderzusetzen, sondern im besten Falle sogar zu gestalten.

 

Dazu möchten wir ganz einfach und grundlegend anfangen: von Mensch zu Mensch.


Mensch zu Mensch

 „Das Menschliche heilt!“ Mit diesem paradigmatischen Ausruf wird der Goetheaner Rudolf Steiner zitiert. Man erschaudert ob seiner Schlichtheit und Größe. Wir wollen es hier nicht allzu wörtlich nehmen, denn es geht uns im Coaching nicht um ‚Heilung‘, und der Satz wurde formuliert, lange bevor von Coaching, wie wir es heute verstehen, überhaupt die Rede war.

 

Einfacher gedacht, könnte man sagen: ‚Das Menschliche hilft‘.

 

Wir wissen natürlich auch nicht, ob der Satz über alles Lebendige auf Erden hinweg Gültigkeit hat – wahrscheinlich ist es klüger, davon auszugehen, dass das Feline hilft, wenn man eine Katze ist, und dass Hunden eher mit dem Hündischen gedient ist. Und um zu ahnen, was Krustentieren hilft, muss man eventuell ein Krustentier sein.

 

Aus demselben Grund können wir aber auch ziemlich sicher sein, dass das, was uns Menschen am allermeisten hilft, zuverlässig als Mitmenschlichkeit zu beschreiben ist. Nicht viel mehr, und keinesfalls weniger: dass wir eben nicht so furchtbar einsam und allein mit unseren Lebensherausforderungen konfrontiert sind.

Wie also äußert sich Mitmenschlichkeit in einer Beziehung?

In jeglicher Beziehung eigentlich, und also auch in der Coaching-Beziehung?

 

Es sind diese einfachen Dinge, allesamt natürlich Person-zu-Person, diesseits und jenseits aller Rolleninteressen, jeder Hierarchie- und Machtverhältnisse, diesseits und jenseits auch aller politischen und kulturellen Fremdheiten: 

 

Den anderen wichtig und ernst nehmen – essenziell gleichrangig.

Nicht abwerten oder abwürgen oder ausgrenzen. Wir sind alle Kinder der Schöpfung, auf wundersame Weise und ohne eigenes Zutun in dieses Leben geworfen, staunend, keine Ahnung, was das alles hier soll. Und wir haben nur einander, um unsere Geworfenheit und unser Aufgehobensein zu teilen. 


Sich für den anderen interessieren.

Mehr darüber erfahren wollen, was hinter dem liegt, was wir von ihm oder ihr sinnlich präsentiert bekommen – aus was seine oder ihre Interpretationen, Bewertungen und Entscheidungen sich speisen und wie sie zustande kommen – denn jeder von uns hat eine andere Geschichte zu erzählen, und jede ist auf ihre Weise wundersam.

 

Sich in den anderen einfühlen.

Ein schönes und interessantes Wort für das, was wir Coaches auch gerne als Empathie bezeichnen – sich in die Schuhe des anderen versetzen: Was man selbst in seiner Situation empfinden würde. Zu welchen Schlussfolgerungen und Entscheidungen man vielleicht sogar selbst gelangen würde, wenn man in dessen Haut steckte. Und auch wenn es nicht gelingt: allein der Versuch, die Welt mal aus der Perspektive des anderen zu sehen, macht den Unterschied.

Akzeptanz, Interesse und Empathie

Dies sind die drei unverzichtbaren Qualitäten der Mitmenschlichkeit. Sie sind zusätzlich die drei essenziellen Qualitäten einer Beziehung, die uns hilft, die Tiefen und die Untiefen der Veränderungs- und Transformationsprozesse zu durchmessen und zu navigieren, mit denen uns das Leben konfrontiert. 

 

Wenn wir diese Beziehungsqualitäten den Teilnehmenden an unseren Coaching-Ausbildungen als Kernelemente des Beziehungsangebots präsentieren, das wir unseren Coachees machen, reagieren die zunächst oft etwas enttäuscht: was, so normale Dinge? So gar nichts aus der Abteilung ‚die 500 überraschendsten Coaching-Interventionen‘? Aus der ‚Trickkiste der Methodenvielfalt? Aus dem Fundus der ‚hypno-systemischen Kompetenz‘? Nein, Mitmenschlichkeit. Fast ein Anti-Klimax, eine Provokation!

 

Die Vorannahme, die hinter unserer vielleicht konservativ daherkommenden Definition dessen steht, welche Art Beziehung in Veränderungsprozessen hilft, ist diese:

 

Wir glauben daran, dass die allermeisten von uns das schon hinkriegen, mit eigenem Außenbord-Antrieb und mit begrenzten Bordmitteln, wenn wir für unsere noch so unvollkommenen Versuche und Erkundungen nicht abgelehnt oder lächerlich gemacht werden, wenn wir nicht auf taube Ohren und blankes Desinteresse stoßen, wenn es wenigstens ein paar Menschen gibt, die uns zu verstehen scheinen. Wenn wir also zumindest ein bisschen und immer mal wieder Akzeptanz, Interesse und Empathie erfahren.

 

Nicht, dass diese essenziellen Qualitäten alleine ausreichen, den Unterschied zu machen, den ein transformatives Coaching im besseren Falle bewirken kann: dass wir Veränderungsprozesse, die uns in unserer Identität herausfordern, zügiger und weniger mühe- und leidvoll bewältigen. Dafür braucht es noch eine Reihe von Fähigkeiten und auch Interventionen, deren Einsatz im Wesentlichen eine Frage des Timings ist.

 

Ohne die Wesenseigenschaften der Mitmenschlichkeit nützen all diese Dinge aber auch nicht viel.

Wir kennen das alle: wie wichtig und eigenartig machtvoll es ist, wenn uns überhaupt mal jemand konzentriert zuhört. Wenn unsere Selbsterkundung nicht einfach das Stichwort dafür liefert, dass die andere Person losplaudert.

Die Wirkung des Zuhörens

Wir wissen es spätestens seit Momo: 

Die Wirkung des Zuhörens geht weit darüber hinaus, dass einfach der eine still ist, während der andere redet.

 

Erst wenn uns zugehört wird, können wir wirklich anfangen, uns selbst zuzuhören – und das setzt dann weitere Reflexionen in Gang, auch wenn das Gespräch, das sie auslöste, schon längst Vergangenheit ist. Kein Wunder, denn im Akt des hingewendeten Zuhörens allein kommen schon die drei Essenzen der Mitmenschlichkeit vollkommen zum Ausdruck. Person zu Person, Mensch zu Mensch.

Dieser Text ist ein Auszug aus der Buchreihe "Transformatives Coaching und Mentoring".


Person und Rolle im transformativen Coaching

Rainer Molzahn

 

Leiter der Coaching-Ausbildung, Leadership-Coach und Autor

 

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