Grenze gegen die Bedeutung

von Rainer Molzahn


Grenze gegen die Bedeutung

Wenn die Kerninformation herausgeschält ist, stehen wir an Grenze 3 eines Veränderungsprozesses: die Grenze gegen die Bedeutung.

 

Und spätestens jetzt wird es ernst. Wenn die Information uns aufruft, tatsächlich etwas zu verändern, kommt unsere innere Vielfalt ins Spiel. Nicht nur verschiedene, sondern meist auch noch gegensätzliche Stimmen in uns, können eine Entscheidung, was wir tun sollten, schwer machen. Was eine Information für uns in einem Kontext wirklich bedeutet, kann manchmal zu einem „oh je“ oder „das geht doch nicht“ führen.


Mit der Bedeutung ist das so eine Sache. Sie ist ausschlaggebend dafür, wie wir mit dem umgehen, was uns widerfährt. Ohne erkennbare Bedeutung ist Information trivial: weg damit. Andererseits ist Bedeutung höchst subjektiv, sehr egoistisch, und oft auch sehr flüchtig. 

 

Weil das alles so ist, individuell wie kollektiv, und weil für uns einzeln und gemeinsam das Attribuieren von Bedeutung zu Information ein ebenso tentativer wie folgenreicher Schritt ist – genau deswegen sind die Entscheidungen, die wir an der Grenze 3 des Signal- und Informationsverarbeitungsprozesses treffen, so entscheidend für den IQ unserer Antwort. 

Was macht eine Information bedeutungsvoll?

In Veränderungsprozessen, die über die routinemäßige Bewältigung des Tagesgeschäftes hinausgehen, die noch anderes als unseren lebenspraktischen Autopiloten beanspruchen, braucht es mehr als dies. Im Wesentlichen geht es hier um zwei Merkmale bedeutungsvoller Information:

 

  1. Überwältigende, sinnlich unzweideutige Amplitude.
    Sehr laut, sehr grell, sehr übelriechend, sehr schmerzhaft, manchmal alles zusammen – wir wachen auf, denn all dies schreit: Handeln bitte! Aber selbst in solchen ‚Alarmstufe Rot‘-Fällen können wir uns dabei beobachten, wie wir einige Momente lang, solange es irgendwie geht, gegen die Realität unserer Sinnesinformationen kämpfen, bevor wir reagieren. Und das sind die guten Tage.

  2. Hartnäckige, nicht weg zu erklärende Wiederholung.
    Etwas passiert uns nicht nur einmal, nicht nur zweimal, sondern mindestens dreimal. Einmal = da war wahrscheinlich nichts, ich hab mich wohl getäuscht. Zweimal = da war was, aber wahrscheinlich oder mindestens hoffentlich Zufall. Dreimal oder häufiger = wie merkwürdig! Das Interessante ist hier: Eigentlich hatten wir Information definiert als Unterschied. Die Wiederholung desselben ist in diesem Sinne kein Unterschied, sondern Redundanz. Wenn uns aber dasselbe mehrfach passiert, oder sogar immer und immer wieder, dann liegt die Information in eben dieser Redundanz: sie ist ein Unterschied vor dem Hintergrund des ansonsten ruhigen Flusses alltäglicher Informationen, zu deren Abarbeitung unser Autopilot auf vielfach bewährte Rezeptbücher zurückgreifen kann. Diese auffällige Redundanz kann uns auf die Spur eines Musters, einer Gesetzmäßigkeit, einer immer wieder durchlaufenden Schleife führen, die für uns die Bedrohung, aber auch die Hoffnung davon beinhalten, die Bedeutung dessen zu verstehen, was uns passiert.

Bedeutung konstruieren

Wird die Information als wichtig bewertet und gibt es keine unmittelbare Antwort auf sie, rückt sie ins Zentrum der bewussten Aufmerksamkeit. Jetzt beginnt im öffentlichen Raum die Diskussion darüber, welche Bedeutung die Information hat. Das muss deshalb geklärt werden, weil es von der Bedeutung einer Information abhängt, welche Handlung erfolgen wird. An dieser Auseinandersetzung sind in Organisationen die Personen beteiligt, die aufgrund ihrer Rolle im öffentlichen Raum Stimme und Einfluss haben. 

 

Sie wird in dem Kommunikations- und Kommunionsstil geführt, der eine Kultur kennzeichnet. Bei uns Personen findet dieser Bedeutungskonstruktionsprozess zwischen all den Stimmen und Persönlichkeitsaspekten statt, die in unserem inneren öffentlichen Raum Zutritt haben.

 

Jede Information, die durch einen solchen Auseinandersetzungsprozess gegangen ist, führt zu einer Handlung. Ob diese geeignet ist, die Herausforderung schöpferisch zu beantworten, hängt von der Qualität des Kommunikationsprozesses ab, der im inneren öffentlichen Raum geführt wird. 

Person und Rolle an der Grenze gegen die Bedeutung

An der 3. Grenze kommt, obwohl sie schon viel früher eine Rolle spielt, ohne dass wir es unbedingt merken, zum ersten Mal mehr oder weniger bewusst die Duplizität von Rolle und Person ins Spiel: bin ich in meiner Rolle wirklich verantwortlich dafür zu antworten? Oder ist nicht erstmal jemand anderes dran, dessen eigentliche Aufgabe das ist?

 

Entsprechend den Geboten, Erlaubnissen und Verboten unserer Rolle auf die Informationen zu reagieren, die uns in dieser Rolle zugänglich sind, die wir gemäß der expliziten oder impliziten Rollenbeschreibung bedeutsam finden und die unser Verständnis unserer Rolle nicht akut strapazieren.

 

In der Regel, im Tagesgeschäft des Lebens, gewinnt diese innere Verhandlung die Rolle. Wir tun, was von uns erwartet wird, was wir erwarten, dass es von uns erwartet wird, was wir von uns erwarten, was wir erwarten, dass die anderen es von uns erwarten … auch wenn wir dabei schwer atmen, leise stöhnen oder ein paar Bier mehr trinken. Auch, wenn es sehr anstrengt.

 

Als eine Art Selbsthilfe versuchen viele von uns dann – sozusagen „zum Ausgleich“ –, der persönlichen Wahrheit, der persönlichen Bedeutung und den persönlichen Bedürfnissen in privaten oder auch intimen Netzwerken nachzugehen. In Hobbygruppen oder Vereinen, in ‚Szenen‘, Subkulturen oder Internet-Communities. Mit geheimen Geliebten oder professionellen Dienstleistern der Lust, mit Abenteuerurlauben oder auch ‚Seminar-Hopping‘.

 

Wir tun das natürlich für den Preis, dass sich die Spaltung zwischen privater und öffentlicher Person, zwischen Person und Rolle also, vertieft. Diese Spaltung aufrecht zu erhalten ist tendenziell anstrengend. So etwas kann im ruhigen Fluss des Lebens lange gut gehen, muss es aber nicht, wenn der Fluss mal schwillt oder gar reißend wird.

Herausforderungen in transformatorischen Veränderungsprozessen

In transformatorischen Lernprozessen, in denen wir gefordert sind, anders als mit einer Auswahl aus dem Rezeptbuch unserer Rollenbeschreibung zu antworten, erleben wir die Arbeit an Grenze 3, das Ringen um die Bedeutung, sehr bewusst als einen inneren Konflikt, bei dem es Gewinner und Verlierer gibt und dessen Ausgang für beide, Gewinner wie Verlierer, mit Kosten verbunden ist.

 

Selbst eine solche Lösung ist aber nur möglich, wenn an dieser Stelle nicht die Rolle, sondern die Person gewinnt: ethische Entscheidungen treffen wir immer als Person, kreativ sind wir immer als Person. Beides kommt in keiner Rollenbeschreibung vor, und beides braucht es, wenn wir neue Antworten geben müssen.

 

In transformatorischen Lernprozessen beginnt das Ringen um Bedeutung also immer mit einem Konflikt zwischen Person und Rolle, und es führt dann noch tiefer in die Person, weil Fragen geklärt werden müssen bis hin dazu, wer oder was überhaupt die Maßstäbe setzt, nach denen wir die Werturteile fällen, die wir zu unserer Bedeutungskonstruktion heranziehen. 

Die Grenze gegen die Bedeutung umschließt und bewahrt den Erfahrungsschatz eines Systems. Dieser sorgt dafür, dass wir auf vorhandenes Wissen und ein Spektrum bewährter Handlungsweisen zurückgreifen können. In transformatorischen Zeiten sind wir gefordert, den mythologischen Geistern, die diesen Grenzraum repräsentieren, von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten, um zu überprüfen, inwiefern sie uns auch gegenwärtig noch helfen, mit Herausforderungen angemessen umzugehen.

Dieser Text ist ein Auszug aus der Buchreihe "Transformatives Coaching und Mentoring".


Person und Rolle im transformativen Coaching

Rainer Molzahn

 

Leiter der Coaching-Ausbildung, Leadership-Coach und Autor

 

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