Die Ästhetik der Verwandlung - oder: die Schönheit der Zahl 5

von Rainer Molzahn


Ästhetik der Verwandlung

 

In diesem Beitrag möchte ich meine Geschichte davon teilen, wie ich – with a little help from my friends – in einem lahahangen Forschungsprozess auf die Schönheit der Fünf gestoßen bin.

 

Wie ich begonnen habe, transformative Veränderung (Ver-Wandlung) als einen Prozess zu verstehen, der sich an den Gesetzmäßigkeiten der Ästhetik orientiert.

 

Das Gute, Schöne und Wahre … 

 


Alle, die sich mit unserem 5-Grenzen-Prozessmodell beschäftigt haben, und sowieso alle, die es in ihrer Lebens- und Berufspraxis anwenden, werden wissen: Transformative Veränderungsprozesse verändern nicht nur das Handeln. Sie verändern den oder die Handelnde. Sie ermöglichen eine kreative und gereifte Antwort auf die Herausforderungen der Existenz – deswegen nennen wir sie ‚transformativ‘.

 

Und: sie verlaufen in 5 Phasen. Sie brechen sich an 5 Grenzen, die zu überwinden sind. Sie führen durch 5 Pforten, für die es die Schlüssel zu finden gilt. Immer wieder die Fünf. 

 

Es ist durchaus nicht so, dass ich die Fünf gesucht hätte. Ich bin kein Numerologe, weder aus Gewohnheit noch aus Leidenschaft. Ich bin, wenn man so will, eher über sie gestolpert, in einem lahahangen Versuch zu verstehen, was genau eigentlich passiert zwischen Input und Output. Zwischen einer Erfahrung und der Antwort auf sie. Zwischen Opfer- und Tätererfahrung. Zwischen Information und Transformation.

 

Ich musste versuchen das zu verstehen, weil mein professioneller Beitrag zur menschlichen Gemeinschaft immer eine Variation davon war, bei diesen Prozessen zu helfen. Ich habe also in einer induktiven Bemühung daran gearbeitet, besser zu werden. Wer tut das nicht …

 

Die 2

Es begann alles mit dem Reiz-Reaktions-Modell. Behaviorismus. Der war sehr modern Anfang der 1970er, als ich meine Erkenntnisreise begann. Seine Kern-Behauptung: Reiz und Reaktion, Input und Output sind sinnlich/wissenschaftlich beobachtbar. Alles dazwischen ist Spekulation.

 

Dazu kam, dass sich die Meisterdisziplin des ‚Dazwischen‘, die klassische Psychoanalyse, sich durch ihre Kollaboration mit Faschisten und Autokraten versündigt hatte. Sie taugte nicht mehr als emanzipatorisches Erkenntnismodell. Es brauchte neue Konstrukte, neue Haltungen, neue Beziehungsaufnahmen, neue Methoden.

 

Alles neu.

Denn eins war auch klar: die Zahl Zwei ist sehr mächtig – aber auch sehr begrenzend und irgendwie ungenügend.

Letztlich erbarmungslos: 1 oder 0. 

Die 3

Damit begann die nächste Etappe meiner Erkenntnisreise: als Quest zur Drei, durch das, was in der nicht rein sinnlich beobachtbar in der Mitte zwischen Reiz und Reaktion ist.

 

Ich studierte alles, was die humanistischen Psychologie, die Philosophie, die Anthropologie und die Gesellschaftstheorie zur Verfügung stellten. Immer neugierig, immer auf der Suche nach dem Muster, das verbindet.

 

Schlussendlich musste ich irgendwann feststellen – das muss etwa Mitte der 90er gewesen sein: „Habe nun ach Gestalttherapie, Psychosynthese, Ichpsychologie, systemische Therapie … studiert, und ich bin enttäuscht: das Muster Drei reicht nicht.

Es verheddert und verliert sich letztlich in Beliebigkeit und ja, im schlimmeren Fall der Vergötzung der Person.

 

Es brauchte also, das wurde fast schmerzlich offenbar, etwas Präziseres und also weniger Manipulatives. 

Die 4

Dieses Vierte gesellte sich hinzu, als Elke und ich begannen, im Namen der kulturellen Kompetenz die Beziehungen (und also den Wechselwirkungen) zwischen uns Individuen und unserer Gemeinschaft, zwischen dem Kleinen und dem Großen, zwischen dem Teil und dem Ganzen zu erkunden. Das war unsere gemeinsame Mission.

 

Die wurde geboren aus zweierlei 😆: Unsere jeweilige und gemeinsame Leidenschaft für das Individuelle, und unsere geteilte Leidenschaft für das Ganze. Person und Rolle. Psychologie und Gesellschaftstheorie. Absicht und Wirkung. Freiheit und Verantwortung. Wir arbeiteten nämlich viel mit Erwachsenen in Führungspositionen, die in ihren Rollen, in sehr komplizierten systemischen Verhältnissen, ständig zu kurzfristig messbarem ‚Erfolg‘ verpflichtet waren. Normal ey: Burnout-Karrieren.

 

Als vorläufiges Ergebnis unseres fortgesetzten Versuches zu verstehen stießen wir auf die Vier: Der Prozess von Reiz zu Reaktion in 4 Schritten. Das von uns damals (ca. 1999 – 2001) nicht ohne ironische Absicht so getaufte WIRR-Modell:

  • Wahrnehmen
  • Interpretieren
  • Resonieren
  • Reagieren

Nicht dumm. Auffällig aber, dass die innere Auseinandersetzung mit Selbst und Rolle noch nicht auftaucht, oder?

Wahrscheinlich deswegen noch ein kleines bisschen WIRR 🙄. 

Die 5

Es brauchte nochmals extreme Verlangsamung (und Verstärkung), um schließlich die Fünf zu entdecken.

Das war unsere gemeinsame (und jeweilige) Arbeiten am Manuskript von 'Die heiligen Kühe...' (ca. 2002 – 2006). Es gibt wahrscheinlich kein extremeres Ausmaß an Verlangsamung und Verstärkung als das Projekt, zu zweit ein Buch zu schreiben. Zumal, wenn dieses Buch ein Forschungsreport ist.

 

Wir wurden für unsere Leidenschaft und unsere fortgesetzte Bemühung vom Universum belohnt mit der Fünf.

Wir stießen auf, wir stolperten über, wir schöpften aus dem großen Bewusstseinsteich das transformative 5-Grenzen-Prozessmodell:

  • Be-Achten (Grenze gegen die Wahrnehmung)
  • Be-Schreiben (Grenze gegen die Information)
  • Be-Deuten (Grenze gegen die Bedeutung)
  • Scheiden und Ent-Scheiden (Grenze gegen die Veränderung des Selbstkonzepts) 
  • Be-Wirken (Grenze gegen die Veränderung des Handelns)

 

Endlich, endlich fiel alles an seinen Platz. Endlich offenbarte sich das Muster, das verbindet, in ganzer Klarheit und, ja, Anmut.

Ein erhabener Moment!

 

All das ermutigte mich, verpflichtete mich sogar, dieser Schönheit weiter zu folgen, indem ich vom induktiven auf den deduktiven Forschungsmodus umschaltete. Vom Muster entdecken zum Muster verfolgen und widerlegen – oder bestätigen. Vom Herren zum Diener meines Erkenntnisprozesses werden. Denn das ist der unausweichliche Effekt eines schöpferischen Prozesses: das Werk transformiert den Schöpfer. Was ich in diesem Teil meiner transformativen Reise kennenlernen durfte, hat mir immer wieder den Atem geraubt und mich demütig gemacht.

Die Schönheit der Fünf, die Ästhetik der Ver-Wandlung.

Zuerst fand ich es wieder in der Quintessenz. Wörtlich: das von Aristoteles so benannte ‚fünfte Seiende‘ (Äther), das die vier irdischen Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft beatmet und inspiriert, selber unwandelbar und zeitlos. Die Fünf als verbindendes Muster der Transformation, Abt. I. Wow. Formuliert von einem Weisen aus der Kindheit des Abendlandes. 

 

Dann, Jahre später, flog es gegen die Windschutzscheibe meines Erkenntnis-Monitors, als ich dem fünfaktigen Regeldrama begegnete – ich weiß gar nicht mehr genau, in welchem exakten Zusammenhang: die theatralische Inszenierung transformativer Langzeit-Prozesse. Als Tragödie oder als Komödie. Zum Heulen oder zum Lachen; auch großartig. Auch erstmals ausgeformt im sogenannten ‚Altertum‘ – blöder Begriff eigentlich. Wir waren jung damals! 

 

Atemberaubend, demütig machend und ermutigend: das transformative Muster, auf das ich nach Jahrzehnten des Forschens und Reflektierens gestoßen bin, ist seit jeher eine inhärente, ja indigene Figur unserer abendländischen Mythologie und Identität. Immer wieder anders benannt, aber immer unverkennbar.

 

  • Atemberaubend, weil dieses deduktive Fundstück tatsächlich bedeutet, dass ich nicht spinne. Jede*r, der oder die schon mal jenseits der Gefilde des ‚Conventional Wisdom‘ unterwegs war, wird wissen, was ich meine. Die Grenzen des Orthodoxen sind sehehehr streng … 

  • Demütig machend, weil ich nicht der erste Durchblicker in der Menschheitsgeschichte bin, sondern auf den Schultern von zig Menschengenerationen stehe (momentan knieend), die Wissen und Weisheit suchten …

  • Ermutigend, weil die induktiv-deduktive Schönheit der Fünf noch nie so präzise, differenziell und praxisrelevant ausgestaltet wurde wie von mir/uns im 5-Grenzen-Prozessmodell und dem 5-Grenzen-Strukturmodell: Wir müssen mutig forschend weitermachen. Würdigend, aber nicht festhaltend … 

 

Die Geschichte geht also weiter. Der Tango mit dem Universum klingt schon fort …

 

Zunächst möchte ich für den Teil 2 dieser Blogreihe (werden es vielleicht 5?) an Peggy übergeben, Partner-in-Crime, Weggefährtin, Seelenschwester. Als wir uns kennenlernten, gab es das 5-Grenzen-Prozessmodell schon, aber sie hat natürlich ihre sehr eigene Geschichte damit, mit der Schönheit der Fünf, mit der Ästhetik der Verwandlung. 


Person und Rolle im transformativen Coaching

Rainer Molzahn

 

Leiter der Coaching-Ausbildung, Leadership-Coach und Autor

 

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