Der Versuchung widerstehen, alles 'rund' zu machen

von Rainer Molzahn


Der Versuchung widerstehen, alles rund zu machen

 

 

 

Es gibt bei vielen von uns Coaches einen nahezu fest verdrahteten Ehrgeiz, bis zum Ende einer Session alles gut werden zu lassen: alle Loops geschlossen, alle Probleme in Ziele transformiert, Coachee sieht zuversichtlich aus und lächelt, Coach ist glücklich...

 

Ich kenne das natürlich auch gut, besonders aus meinen Anfangstagen (die mittlerweile einige Jahrzehnte zurückliegen) …

Mittlerweile sind solche Konzepte wie ‚Lösungsorientierung‘, ‚Ressourcenorientierung‘ oder gar ‚Speed-Coaching‘ fast zu Heiligen Kühen des populärpsychologischen Mainstreams geworden – vor allem in agilitätsgetriebenen Business-Kontexten (Überraschung!):

 

Macht man/frau sich mindestens des Verrats, schlimmstenfalls der Ketzerei verdächtig, wenn nicht ständig alles rund wird?

Überhaupt: alles ‚rund machen‘ – was heißt das eigentlich genau?  

Es bedeutet, etwas von Anfang bis Ende zu einer kompletten Gestalt zu formen. Alle fünf Akte des klassischen Regeldramas durchexerzieren. Die ganze Geschichte erzählen. 

 

Als wenn wir Coaches Urheber, Regisseur*innen und Akteure dieses Langzeit-Prozesses unseres Coachees selbst wären. Damit das Publikum (wer auch immer das genau ist bei professionell begleiteten transformativen Langzeit-Prozessen) wie im Theater befriedigt, beruhigt und ausgestattet (Goethe) den Saal verlässt und noch ein bisschen Umsatz in der gastronomischen Abteilung hervorbringt. Werch ein Illtum

Der Veruschung widerstehen, alles rund zu machen

Die Sache ist die: das Leben ist kein Theaterstück. Anfang, Prozess und Ende gestalten sich immer wieder neu. Und das Ende bleibt für immer unbestimmt, denn das Stück ist viel länger, als irgendein theatertaugliches Format es definieren könnte. Oder wollte. Oder sollte.

 

Deshalb: wenn es eine theatralische Entsprechung gibt zu dem dramaturgischen Schritt, zu dem wir als transformative Coaches gen Ende jeder Session aufgerufen sind, dann ist dies der Cliffhanger – übrigens erfunden von dem großen Darles Chickens:

Beende jede Session mit einem offenen Loop. Nur ein offenes Ende inspiriert Freiheit und Kreativität in der Antwort unseres Coachees auf die Herausforderung, vor der sie steht:

 

Wir sind nicht die Autoren. Wir sind ‚nur‘ die Geburtshelferinnen

Dass das zwanghafte Rundmachen im Coaching-Gewerk überhaupt so dominant ist, hat systemisch damit zu tun, dass alle Coaches miteinander um Klienten/Aufträge/Umsätze konkurrieren. Und damit, dass sie (einzeln wie jeweils wie gemeinsam) implizit davon abhängig sind, an kurzfristigen und quantitativ messbaren ‚Erfolgen‘ beurteilt zu werden. Dasselbe gilt ‚natürlich‘ auch für die systemischen ‚Counterparts‘ auf der Gegen-/Kundenseite: HR, OE, QM, PR, XY…. Die sind allesamt Komplizen in der hypnotischen Fixiertheit auf die Instant Returns

 

Charmanterweise wird diese (erst einmal völlig unpersönliche) Tendenz auch noch (zutiefst persönlich) von sensiblen Coachees unterstützt, die unser Bemühen um schnelle Erfolge spüren und uns Coaches helfen wollen zu helfen – weil auch ihre eigene ‚Performance‘ von QM-Verantwortlichen bewertet wird. Die ihrerseits kurzfristigen, geradezu VUCA-agilen Maßstäben verpflichtet sind. Sich gegenseitig bescheinigen, man hätte alles rund gemacht.

 

Ein wirklich bizarres, karmisches Karussell. 

Der Versuchung widerstehen, alles rund zu machen

 

Es ist nicht so, dass mir das alles vollkommen fremd wäre – so fremd es bei entsprechender Beleuchtung scheint: 

 

Ich habe mich  – nach einer längeren psychosozialen Lehrlings- und Gesellenzeit im klinisch-pädagogischen Sektor – einige Jahrzehnte als freiberuflicher Coach, als Lehrender und Prozessbegleiter auf allen hierarchischen Ebenen aller möglichen organisationalen Affenfelsen bewegt. In allen kulturellen Räumlichkeiten, die dort zur Verfügung stehen. Ich bin an meine Grenzen gekommen, ich habe verloren, ich habe gesiegt, ich wurde immer wieder mit offenen Enden konfrontiert – ich habe gelernt. 

 

 

Mittlerweile fühle ich mich wesentlich freier, lose und offene Enden zum Ende des Coaching-Kontaktes nicht nur zu ertragen, sondern geradezu zu provozieren. Das sorgt nämlich dafür, dass der oder die Coachee nicht aufhört, auf seinem oder ihrem Thema herumzukauen, wenn die Stunde zu Ende ist. 

Transformative Veränderungsprozesse werden nicht auf den einstündigen Reflexions-Inseln des kleinen Coaching-Archipels bewältigt. Dafür braucht es auch die Gewässer zwischen den Inseln; auch die Untiefen.

 

Bedeutung braucht Zeit.

Es braucht Zeiten zum Denken alleine - fokussiert und peripher, wachend und träumend - damit Bedeutung sich eingeladen fühlt, sich zu entfalten. Das fördern wir glaubhafter und zuverlässiger, wenn wir nicht nur Loops schließen, sondern auch akute Loops suspendieren und neue inspirieren.

 

Wenn wir in dem Vertrauen intervenieren, dass jede Gestalt ein innewohnendes Bedürfnis hat, sich zu entfalten und sich zu erschließen – und dass es einen Ort und eine Zeit für alles gibt – auch fürs Rundmachen. Nur nicht immer, und nicht zwanghaft.

 

Fühl dich frei!

Wie kann dein*e Coachee sich jemals frei fühlen, wenn du dich nicht frei fühlst??

 

Mehr zur Kairologie der offenen Enden demnächst in diesem Kino…

P.S.: eine Einladung

Was ich zum guten Schluss (mit offenem Ende) noch teilen möchte, ist das Leitmotiv meines inneren Dialoges, während ich diese Zeilen schrieb:

 

Eigentlich braucht unser Beitrag als transformative Coaches einen neuen Namen. 

 

Es ist mir zunehmend schmerzhaft (also peinlich im Wortsinn), dem fragwürdigen subkulturellen Habitat ‚Coaching‘ zugerechnet zu werden. So viel agile Scharlatanerie! So viel auf kurzfristige Quantitäten hypnotisierte Ergebnis-Panik!

Ich wünsche mir also einen neuen, einen würdigeren Namen. 

 

Aber ich möchte, am Ende meiner Laufbahn, den magischen Zeugungsakt der Namensgebung nicht solo, nicht solistisch oder gar solipsistisch vor mich hin entwerfen. So geht das nicht mehr; nicht in diesen Zeiten.

Daher lade ich alle unsere engeren und weiteren Mitglieder*innen und sonstwie Verbunden*innen ein, ihre Stimmen in einem (so verlangsamenden wie verstärkenden) Dialog zur Verfügung zu stellen, der um die Fragen kreißt: 

Wie heißt das, was wir beitragen? In Freiheit und Kreativität, mit Wirksamkeit und Verantwortung?

 

Wie benennen wir unser Tun? So dass schon der Name die kulturelle Transformation anstachelt, die wir brauchen, um auf unseren Heimatplaneten zu überleben? 

 

Wie docken wir an den Zeitgeist an – wie entern wir ihn, um ihn zu ver-entern? 

Person und Rolle im transformativen Coaching

Rainer Molzahn

 

Leiter der Coaching-Ausbildung, Leadership-Coach und Autor

 

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